Translating the Rural
Wooden Churches, Open-Air Museums and Modern Architecture in Interwar East-Central Europe
Kuratiert von Radu Remus Macovei und gta Ausstellungen
Donnerstag, 24. September – Freitag, 4. Dezember 2026
gta Ausstellungen, ETH Zürich, Hönggerberg
Eröffnung: Mittwoch, 23. September, 18:00 Uhr
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 10:00 Uhr bis 18:00 Uhr
Symposium: Mediating the Rural. From Ethnography to Design Knowledge
9.–10. November 2026
To translate kann bedeuten, etwas von einem Ort an einen anderen zu überführen, es in ein anderes materielles Medium zu übertragen oder von einer Sprache in eine andere zu übersetzen. Diesen Bedeutungen liegt ein gemeinsamer Vorgang zugrunde: Etwas wird verlagert, transformiert und in einem neuen Kontext lesbar gemacht. In der Architektur findet dieser Vorgang im wahrsten Sinne des Wortes statt, wenn Gebäude räumlich über territoriale Grenzen hinweg versetzt,(i) in ein anderes Medium umgewandelt und als Träger kultureller Bedeutung neu interpretiert werden. Die Ausstellung Translating the Rural präsentiert Forschungsergebnisse aus Radu Remus Macoveis laufender Doktorarbeit am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta), Moving Churches, Making Nations, sowie aus dem Entwurfsforschungsprojekt Ligneous Worlds, das Macovei im Rahmen des Julia Amory Appleton Traveling Fellowship in Architecture der Harvard Graduate School of Design entwickelte. Beide Projekte untersuchen die Wandelbarkeit von Architektur anhand zweier miteinander verbundener Formen der Transformation: der räumlichen Versetzung und der Anpassung im zeitlichen Verlauf.
Die neuere Forschung hat verstärkt auf die Verwendung des Übersetzungsbegriffs in der Architektur aufmerksam gemacht, insbesondere im Zusammenhang mit der Verbreitung von Ideen.(ii) Daran anknüpfend erkundet die Ausstellung Übersetzung als materiellen und politischen Prozess. Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns im Jahr 1918 und der Entstehung neuer Nationalstaaten in der Karpatenregion Ostmitteleuropas wurde Architektur zu einem Mittel, ländliche Lebenswelten in nationales Territorium und nationale Identität zu übertragen. Freilichtmuseen versetzten Dutzende ländlicher Bauten in die Städte; Planungsbehörden integrierten archaische Architekturformen in neue, moderne Dörfer; ethnografische Erhebungen wiederum transformierten die Vielfalt ländlicher Kulturen in lesbare Kategorien des Vernakulären, Folkloristischen und Nationalen.
Die Ausstellung erschliesst diese Prozesse, indem sie die Versetzung dreier Holzkirchen aus Bergdörfern nach Prag, Bukarest und Lwiw im Kontext tschechoslowakischer, rumänischer und ukrainischer Nationalprojekte der Zwischenkriegszeit nachzeichnet.(iii) Sie verfolgt deren Transformation vom Sakralbau zu einem säkularisierten Modell nationaler Identität. Architekten und Ingenieure abstrahierten und typisierten diese Modelle formal und überführten sie in ländliche Planungskonzepte, die sowohl der Modernisierung des ländlichen Raums dienten als auch der modernen Architektur ermöglichten, sich auf eine weit zurückliegende Vergangenheit zu beziehen. Diese Prozesse vermittelten sowohl ein Gefühl der Kontinuität als auch die Vorstellung einer sich modernisierenden Zukunft. Sie verdichteten Geschichte und Identität eines Territoriums zu einer lesbaren Gestalt der Nation.
Bereits vor ihrer Versetzung befanden sich die drei Holzkirchen in einem „Zustand beständigen Wandels“:(iv) Ihre bauliche Gestalt veränderte sich fortwährend unter dem Einfluss demografischer, wirtschaftlicher und technischer Bedingungen. Ihre Geschichte war von Anbauten, dem Austausch einzelner Bauteile und Reparaturen bestimmt, die durch die materielle und konstruktive Wandelbarkeit des Holzes möglich wurden. Das Projekt Ligneous Worlds verfolgt diese sich wandelnden Geschichten weiter und entwirft materielle, tektonische und programmatische Transformationen, welche die drei Gebäude möglicherweise erfahren hätten, wären sie bis heute an ihrem ursprünglichen Standort verblieben. Drei Holzmodelle im Massstab 1:5 setzen diese alternativen Geschichten in Dialog mit Quellen aus dem Archiv. Zugleich zeigen sie, wie historische Forschung und Entwurf einander wechselseitig informieren können: Archivalien bilden die Grundlage für Projektionen, während der Entwurf nicht realisierte architektonische Möglichkeiten anschaulich macht.
Archive
Archiv des Nationalmuseums der Tschechischen Republik (Prag, Tschechische Republik); Sammlungen des Ethnografischen Museums des Nationalmuseums der Tschechischen Republik (Terezín, Tschechische Republik); Tschechisches Nationales Filmarchiv (Prag, Tschechische Republik); Nationales Freilichtmuseum „Dimitrie Gusti“ (Bukarest, Rumänien); Rumänisches Nationalarchiv (Bukarest und Baia Mare, Rumänien); Bibliothek der Rumänischen Akademie (Bukarest, Rumänien); Rumänisches Nationales Filmarchiv (Bukarest, Rumänien); Archiv und Bibliothek des Denkmalamts der Slowakischen Republik (Bratislava, Slowakei); Archiv und Sammlungen des Nationalmuseums Andrey Sheptytsky (Lwiw, Ukraine); Archiv des Museums für Volksarchitektur und Landleben (Lwiw, Ukraine); Archive und Sammlungen der ETH-Bibliothek (Zürich, Schweiz); ETH-Baubibliothek (Zürich, Schweiz); Staatsarchiv der Region Transkarpatien (Berehowe, Ukraine); Staatsarchiv der Region Lwiw (Lwiw, Ukraine); Urban Media Archive des Center for Urban History (Lwiw, Ukraine)
Die in der Ausstellung präsentierte Forschung verdankt sich den zahlreichen Wissenschaftler*innen und Forschungseinrichtungen in der Tschechischen Republik, Rumänien, der Slowakei, der Schweiz und der Ukraine, die grosszügig Materialien aus ihren Sammlungen der Ausstellung zur Verfügung gestellt haben. Radu Remus Macovei möchte insbesondere den ukrainischen Forscher*innen und Institutionen danken, deren kontinuierliches Engagement für den Erhalt ihrer Sammlungen, ihre Bereitschaft, Wissen zu teilen, und ihr Einsatz für die wissenschaftliche Arbeit diese Forschung trotz des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ermöglicht haben.
Die Ausstellung enthält drei Kirchenholzmodelle aus der Zwischenkriegszeit, die aus ruthenisch-ukrainischen Gemeinden in der Karpatenukraine (Tschechoslowakei) stammen und vom Ethnografischen Museum des Nationalmuseums der Tschechischen Republik grosszügigerweise als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurden.
Die im Rahmen des Projekts Ligneous Worlds entstandenen Modelle wurden von Macovei entworfen und mit Tudor Migia und seiner Holzwerkstatt in Bukarest, Rumänien, gefertigt.
Unterstützung und Beratung
Livia Ardelean, Tom Avermaete, Alexandru Baboş, Melinda Bieri, Yustyn Boiko, Martin Bosshard, Alex Bykov, Marián Chrvala, Iuliana Ciotoiu, Irina Davidovici, Maarten Delbeke, Lina Degtyaryova, Katia Denysova, Jaroslav Džoganík, Rareș-Ioan Dina, Nikola Danišová, Noël Fäh, Marta Filipová, Fredi Fischli, Ruxandra Fulger, Petra Gehrmann, Dragoș Ghioca, Klara Guseth, Mina Hava, Karolína Hrichová, Da Hyung Jeong, Nina Irmert, Stepan Kopchak, Ihor Kozhan, Tomas Kowalski, Markus Lähteenmäki, Juliana Maxim, Tudor Migia, Ivana Milenković, Cosmin Minea, Anna Navrotska, Lucie Novotná, Niels Olsen, Oksana Omelchuk, Katka Pařízková, Vitaliia Pastukh, Noelle Paulson, Jan Pohunek, Paulina Popoiu, Cara Rachele, Matthew Rampley, Diana Sava, Teo Schifferli, Julia Secklehner, Vasyl’ Slobodyan, Laurent Stalder, Mykhailo Syrokhman, Mihai Șom, Vasile Țiplea, Theodor Ulieriu-Rostás, Philip Ursprung, Veronica Vasilov, Anca Vitan, Edward Wang, Olha Zarechnyuk, Mykhaylo Zakopets
Team gta Ausstellungen
Melinda Bieri, Jakob Draz, Ben Frei, Fredi Fischli, Mina Hava, Till Kadler, Margaux Koch Goei, Lucas Lenzin, Ella Mathys, Vitus Michel, Ivana Milenković, Niels Olsen, Sabine Sarwa, Julian Volken
Eingangswand
Melinda Bieri, Ivana Milenković
Grafik
Teo Schifferli mit Pascal Kägi und Dennis Vugts
Lektorat
Jacob Blandy, Ulrike Steiner
Ausstellungsdokumentation
Nelly Rodriguez
Diese Ausstellung wurde ermöglicht durch die Professur für Geschichte und Theorie der Architektur, Prof. Dr. Maarten Delbeke; die Professur für Architekturtheorie, Prof. Dr. Laurent Stalder; das Doktoratsstipendium des Instituts gta; das Mobilitätsstipendium der ETH Zürich; gta Ausstellungen sowie das Julia Amory Appleton Traveling Fellowship in Architecture der Harvard Graduate School of Design. Das Symposium wird durch einen Scientific-Exchanges-Förderbeitrag des Schweizerischen Nationalfonds und einen Enabling Grant des Departements Architektur der ETH Zürich unterstützt. Das Ausstellungsprogramm von gta Ausstellungen wird dank des Artist-in-Residence-Programms realisiert, das von der Thomas und Doris Ammann Stiftung, Zürich, ermöglicht wird.
Erweiterte Bildlegende: Bearbeitete Aufnahme der alten und der neuen Holzkirche im Dorf Kryvka in der Zweiten Polnischen Republik (heute Ukraine), 1930, unmittelbar vor der Demontage und Versetzung der älteren Kirche nach Lwiw im Rahmen des ukrainischen Nationalprojekts. Mit freundlicher Genehmigung des Nationalmuseums Andrey Sheptytsky in Lwiw, Ukraine. Grafik: Teo Schifferli mit Pascal Kägi.
[i] Siehe Alina Payne, „The Portability of Art: Prolegomena to Art and Architecture on the Move“, in: Territories and Trajectories. Cultures in Circulation, hg. von Diana Sorensen, Durham 2018, S. 91–109, hier S. 96; Lucia Allais, „Integrities: The Salvage of Abu Simbel“, Grey Room 50 (Winter 2013), S. 6–45; Tim Anstey, Things That Move. A Hinterland in Architectural History, Cambridge, MA, 2024, Kap. 3.
[ii] Siehe Esra Akcan, Architecture in Translation, Durham 2012.
[iii] Die Holzkirchen der Karpaten sind gemeinschaftlich getragene Sakralbauten, die über die heutigen nationalen Grenzen der Region hinweg mit griechisch-katholischen, orthodoxen und römisch-katholischen Traditionen verbunden sind. Viele von ihnen sind bis heute gefährdet, insbesondere in der Ukraine, wo der anhaltende russische Angriffskrieg Kulturstätten beschädigt oder zerstört und das materielle Kulturerbe einer akuten Bedrohung aussetzt. Die Ausstellung Holzkirchen in der Ukraine. Vielfalt – Gefahr – Hilfe der Universität zu Köln hat 2024 auf die Gefahren aufmerksam gemacht, denen Holzkirchen infolge des militärischen Konflikts ausgesetzt sind.
[iv] Siehe Radu Remus Macovei, „Buildings in a State of Flux. The Wooden Churches of the Carpathians“, Journal for Traditional Building, Architecture and Urbanism 3 (2022), S. 241–252.